Mittwoch, 15. November 2023

Premiere im Rosenthal

Der Kneipenraum unten in der genossenschaftlichen Gaststätte Rosenthal in Uelsen ist gut gefüllt; währenddessen warten eine Etage weiter oben im Gesellschaftsraum die Besucher auf einen prominenten Gast: Christine Westermann ist zu einer Lesung ihres neuen Buches „Die Familien der anderen - mein Leben in Büchern“ geladen. „Der Raum soll genutzt werden für für Feiern, Vernissagen, Musik oder eben eine Lesung“, sagt Fritz Baumann, einer der Macher des genossenschaftlichen Lokals, und fügt hinzu: „Ein bisschen Klasse soll die Premiere schon haben.“ Dass es mit der preisgekrönten Journalistin, Moderatorin und Autorin geklappt hat, habe man zuerst gar nicht glauben können. Alle 80 Stühle sind besetzt – überwiegend Frauen, nur eine handvoll Männer –, aber die Autorin lässt auf sich warten. Nach 45 Minuten ist die Kölnerin endlich da. „Ein weiter Weg und chaotisch auf der Straße“, entschuldigt sie sich. Aber keiner ist ihr böse, die Autorin schaut in erwartungsvolle, freundliche Gesichter. Lesungen seien ein Geschenk, eine Belohnung für die vorangegangene mühevolle Arbeit, sagt Westermann. Sie liest ausgewählte Kapitel ihres Buches, das auch eine Zeitreise in ihre eigene Familiengeschichte ist. Zwischendurch bleibt Zeit zu plaudern, für Anekdoten und Gedanken einer Frau, die eine „ausgedellte Kindheit“ gehabt habe und „verrückt nach Büchern“ sei. Dabei referiert sie nicht mit erhobenem Zeigefinger aus einem literarischem Elfenbeinturm, sondern formuliert verständlich als eine unter ihresgleichen. Ein absolutes Lieblingsbuch habe sie nicht, auch wenn sie manche Bücher wie „Die Deutschlehrerin“ von Judith W. Taschler „wie im Rausch gelesen“ habe. Das Schwierige für Empfehlungen sei, das richtige Buch zu finden. Westermann orientiert sich am Cover, liest einige Zeilen, um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen, bedient sich der großen Hilfe von Buchhändler/innen als „tolle Navigatoren“. Sie empfindet sich weniger als Kritikerin, sondern eher als Empfehlerin. Schön fände sie es, wenn „einmal in der Woche vor der Tagesschau statt der Börsennachrichten das `Buch der Woche` vorgestellt“ würde, sagt sie und erntet damit im Publikum regen Zuspruch. Nach der Lesung nimmt sich Westermann viel Zeit, um ihr Buch kreativ zu signieren. Und dann gönnt sie sich ein frisch gezapftes Helles. Mit Kölsch kann die Gaststätte Rosenthal nicht dienen, aber ein norddeutsches Pils tut es zur Not auch. 










 

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